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Vertrieb in der Rezession: Warum jetzt nicht der Preis, sondern die Begründung sinken muss

Was sich im Vertrieb ändert, wenn die Konjunktur schwächelt: längere Zyklen, mehr Entscheider, Status quo als stärkster Wettbewerber. Wie man Bestand sichert, das Angebot auf Sparen und Liquidität umbaut, Rabatte durchrechnet und das Team führt — mit Gesprächsbausteinen und Handlungsliste.

Die kurze Antwort

In einer Rezession kaufen Geschäftskunden nicht einfach weniger. Sie verschieben, holen mehr Leute an den Tisch und fragen bei jeder Ausgabe, ob sie jetzt sein muss. Wer darauf mit Rabatten antwortet, verkauft zum gleichen Aufwand für weniger Geld. Was funktioniert: erst den Bestand sichern, dann das Angebot auf Sparen, Risiko und Liquidität umbauen, die Pipeline härter qualifizieren und das Team zusammenhalten. Ich habe in schwachen Phasen Vertriebe gesehen, die ihren Preis gehalten und trotzdem verkauft haben. Der Unterschied lag fast nie im Produkt, sondern in der Begründung, warum der Kunde jetzt handeln sollte.

Was sich im Abschwung wirklich ändert

Normale Phase Abschwung
Wer entscheidet Fachabteilung oder Inhaber allein eine Stufe höher, oft mit Buchhaltung oder Bank im Hintergrund
Häufigste Absage „Wir nehmen den anderen Anbieter“ „Nicht jetzt“
Zykluslänge wie geplant länger, mehr Termine bis zur Unterschrift
Was überzeugt Funktionen, Komfort, Image Einsparung, Planbarkeit, geringes Risiko

Der wichtigste Punkt steht in der zweiten Zeile. Der stärkste Wettbewerber im Abschwung ist der Status quo. Ein Angebot, das gegen „Wir warten noch ein Jahr“ antreten muss, braucht eine andere Argumentation als eines, das gegen einen Konkurrenten antritt. Die Frage lautet nicht mehr: „Warum wir?“, sondern: „Warum jetzt — und warum ist Warten teurer?“

Bestand zuerst: Kunden halten, bevor sie kündigen

Wenn Budgets gekürzt werden, prüfen Kunden zuerst laufende Verträge. Wer dann zum ersten Mal seit der Unterschrift anruft, ruft zu spät an. Ich würde in den ersten Wochen eines Abschwungs jeden wichtigen Bestandskunden aktiv kontaktieren, nicht mit einem Angebot, sondern mit einer Frage:

„Viele unserer Kunden schauen gerade auf ihre Kosten. Bevor Sie das bei uns tun: Wo können wir Ihnen helfen, mit unserem Produkt mehr herauszuholen oder etwas einzusparen?“

Das klingt nach Verzicht auf Umsatz, ist aber das Gegenteil. Ein Kunde, der bleibt, kostet keinen Akquiseaufwand, und wer in der schwachen Phase geholfen hat, wird bei der nächsten Investition zuerst gefragt. Bei wiederkehrenden Verträgen gilt außerdem: Was in den ersten 90 Tagen nach einem Neuabschluss schiefgeht, wird im Abschwung schneller zur Kündigung.

Das Angebot auf Sparen und Liquidität umbauen

Ein Kunde, der jeden Euro zweimal umdreht, will nicht wissen, was das Produkt kann, sondern was es ihm in Euro bringt und wann. Deshalb rechne ich im Gespräch mit seinen Zahlen, nicht mit einem Prospekt. Ein Beispiel mit frei gewählten Werten:

Eine neue Lösung kostet 150 Euro im Monat und spart nach Rechnung des Kunden 400 Euro im Monat an bisherigen Kosten. Netto bleiben 250 Euro im Monat, also 3.000 Euro im Jahr. Jeder Monat, den er wartet, kostet ihn 250 Euro.

Daraus folgt der Satz, der gegen „nicht jetzt“ hilft:

„Wenn wir das im Frühjahr machen statt heute, haben Sie bis dahin rund 1.250 Euro mehr ausgegeben als nötig. Ist das eine Entscheidung, die Sie bewusst treffen wollen?“

Die Rechnung muss ehrlich sein. Wer Einsparungen aufbläht, verliert den Kunden spätestens bei der ersten Abrechnung. Gerade bei erklärungsbedürftigen Produkten wie Energie, Payment oder Software ist die nachvollziehbare Rechnung das eigentliche Verkaufsargument.

Zweiter Hebel ist die Form des Angebots: Miete oder Monatsrate statt Kauf, ein kleineres Einstiegspaket, ein späterer Start mit heutiger Unterschrift. Das senkt die Hürde, ohne den Listenpreis anzutasten.

Rabatt ist die teuerste Antwort

Die Versuchung ist groß, Abschlüsse über den Preis zu kaufen. Rechnen wir es mit Beispielwerten durch: Ein Produkt bringt 30 Prozent Deckungsbeitrag. Gibt der Verkäufer 10 Prozent Rabatt auf den Verkaufspreis, bleiben 20 Prozent.

Ohne Rabatt Mit 10 % Rabatt
Deckungsbeitrag je 100 € Listenumsatz 30 € 20 €
Nötiger Listenumsatz für 30.000 € DB 100.000 € 150.000 €

Ein Drittel weniger Deckungsbeitrag pro Auftrag heißt: 50 Prozent mehr Volumen, nur um gleich dazustehen — in einer Phase, in der Volumen am schwersten zu bekommen ist. Dazu kommt, dass der Kunde sich den Preis merkt. Wie man stattdessen verhandelt, steht im Beitrag zur Preisverhandlung ohne Rabatt.

Pipeline und Team führen

Härter qualifizieren. Im Abschwung füllt sich die Pipeline mit Chancen, die nie kommen. Ich würde jede offene Chance auf drei Fragen prüfen: Gibt es ein freigegebenes Budget? Kennen wir die Person, die unterschreibt? Gibt es einen Grund, warum der Kunde bis zu einem bestimmten Datum entscheiden muss? Fehlen zwei davon, ist es keine Chance, sondern ein Kontakt. Das gehört ins wöchentliche Pipeline-Review.

Aktivität anpassen, nicht die Ziele verstecken. Wenn die Abschlussquote sinkt, braucht dasselbe Ergebnis mehr Gespräche. Das offen zu sagen und die Aktivitätsziele neu zu rechnen, ist ehrlicher, als still auf bessere Zeiten zu hoffen.

Die Guten halten. Wer im Abschwung Provisionen kürzt oder Gebiete ohne Vorwarnung neu schneidet, verliert zuerst die Verkäufer, die überall sonst sofort genommen werden. Vergütungsregeln in bestehenden Verträgen lassen sich zudem in der Regel nicht einseitig ändern. Warum gute Leute gehen, steht im Beitrag zu abwandernden Vertrieblern.

Handlungsliste

  1. Die zwanzig wichtigsten Bestandskunden innerhalb von zwei Wochen anrufen — mit einer Frage nach ihren Kosten, nicht mit einem Angebot.
  2. Für das Hauptprodukt eine Beispielrechnung „Kosten des Wartens pro Monat“ bauen, die jeder Verkäufer mit den Zahlen des Kunden füllen kann.
  3. Ein kleineres Einstiegspaket oder eine Ratenvariante definieren, statt Rabattspielräume zu erweitern.
  4. Vor jedem Rabatt den Deckungsbeitrag nachrechnen und im Team sichtbar machen, wie viel Mehrvolumen er erfordert.
  5. Die Pipeline mit den drei Fragen Budget, Unterschreiber, Termingrund bereinigen.
  6. Aktivitätsziele mit der aktuellen Abschlussquote neu rechnen und offen mit dem Team besprechen.
  7. Keine Vergütungsänderung ohne Prüfung des Vertrags und ohne Gespräch mit den Leistungsträgern vorab.

Häufige Fragen

Was ändert sich im Vertrieb in einer Rezession?

Kunden kaufen selten gar nicht mehr, aber sie verschieben Entscheidungen. Freigaben wandern eine Hierarchiestufe höher, mehr Personen reden mit, Zyklen werden länger und der wichtigste Gegner ist nicht der Wettbewerber, sondern das Weitermachen wie bisher. Wer das weiß, qualifiziert härter und rechnet den Nutzen in Kosten und Liquidität statt in Funktionen.

Sollte man in der Krise Rabatte geben?

Nur nach Rechnung. Bei 30 Prozent Deckungsbeitrag halbiert sich mit 10 Prozent Rabatt nicht der Gewinn, aber man braucht 50 Prozent mehr Umsatz, um denselben Deckungsbeitrag zu erwirtschaften. Besser sind kleinere Einstiegspakete, gestreckte Zahlung oder ein späterer Start — das senkt die Hürde, ohne den Preis dauerhaft zu beschädigen.

Darf man in der Rezession die Provision kürzen?

Vergütungsregeln in bestehenden Arbeits- oder Handelsvertreterverträgen lassen sich in der Regel nicht einseitig ändern; dafür braucht es eine Vereinbarung oder die im Vertrag vorgesehenen Wege. Abgesehen von der Rechtslage verliert man mit Kürzungen mitten im Jahr zuerst die Verkäufer, die woanders sofort einen Platz finden. Vor jeder Änderung gehört der Vertrag geprüft, im Zweifel mit Anwalt.

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