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Erklärungsbedürftige Produkte verkaufen: Der Kunde kauft nicht, was er nicht weitererzählen kann

Energie, Payment, Software: Wie man Produkte verkauft, deren Nutzen der Kunde nicht auf den ersten Blick sieht. Woran man sie erkennt, warum das Gespräch mit den Zahlen des Kunden beginnen muss, wie eine Erklärung aussieht, die intern weitergegeben werden kann, eine Gesamtkostenrechnung als Beispiel und eine Handlungsliste.

Die kurze Antwort

Ein erklärungsbedürftiges Produkt verkauft man nicht mit mehr Erklärung, sondern mit der richtigen. Der Kunde muss drei Dinge verstehen: was sein Problem in Euro kostet, was sich nach der Unterschrift konkret ändert und was in den ersten drei Monaten passiert. Und er muss es weitererzählen können, denn bei Energie, Payment und Software entscheidet fast nie die Person allein, die im Gespräch sitzt. Wer das Produkt nur so erklärt, dass der Kunde nickt, aber nicht so, dass er es seinem Geschäftspartner, seiner Buchhaltung oder seinem Chef in zwei Sätzen wiedergeben kann, hat das Geschäft noch nicht.

Woran man ein erklärungsbedürftiges Produkt erkennt

Ich habe Vertrieb in Energie, Payment und Dienstleistung aufgebaut. Die Produkte sind verschieden, das Verkaufsproblem ist dasselbe. Es hat vier Merkmale:

  1. Der Preis besteht aus Bausteinen, die der Kunde nicht gegeneinander verrechnen kann.
  2. Der Nutzen kommt später als die Unterschrift — oft Monate später.
  3. Das Risiko einer Fehlentscheidung trägt der Kunde, und er weiß das.
  4. Mehrere Personen entscheiden, und nur eine davon hat mit dem Verkäufer gesprochen.

Weil der Kunde das Ganze nicht vergleichen kann, vergleicht er das Sichtbare. Genau dort verliert man, wenn man es zulässt:

Branche Was der Kunde vergleicht Was tatsächlich entscheidet
Energie und Wärme Arbeitspreis je kWh Grundpreis, Laufzeit, Preisanpassungsklauseln, Wartung, wer das Ausfallrisiko trägt
Payment Prozentsatz „ab 0,X %“ Fixentgelt je Zahlung, Kartenmix, Gerätemiete, Laufzeit — siehe die Kostenbausteine der Kartenzahlung
Software Lizenzpreis je Nutzer Einführungsaufwand, Schulung, Schnittstellen, Kündigungsfrist, Datenexport

Die rechte Spalte ist das eigentliche Produkt. Die linke ist das, worüber der Wettbewerber mit dem niedrigsten Einstiegspreis spricht.

Erst die Zahlen des Kunden, dann das Produkt

Der häufigste Fehler, den ich bei neuen Verkäufern in diesen Branchen sehe: Sie erklären das Produkt, bevor der Kunde sein Problem beziffert hat. Dann hört der Kunde eine Produktpräsentation und denkt an den Preis.

Die Reihenfolge muss umgekehrt sein. Das Erstgespräch besteht zuerst aus Fragen, deren Antworten in Euro enden:

  • Energie: „Was haben Sie im letzten Jahr für Wärme bezahlt, und wie viel davon war Grundpreis?“
  • Payment: „Wie hoch ist Ihr durchschnittlicher Bon, und wie viele Kartenzahlungen haben Sie im Monat?“
  • Software: „Wie viele Stunden pro Woche gehen heute für diesen Vorgang drauf, und wer macht ihn?“

Die meisten Kunden kennen diese Zahlen nicht genau. Das ist kein Hindernis, sondern der Einstieg: „Schauen wir gemeinsam auf die letzte Abrechnung.“ Wer mit dem Kunden die eigene Rechnung liest, ist kein Vertreter mehr, sondern der erste, der ihm sein Geschäft erklärt hat. Wie das im Payment konkret abläuft, steht im Beitrag Payment an kleine Betriebe verkaufen.

Eine Erklärung, die der Kunde weitergeben kann

Der Gesprächspartner wird das Angebot intern vorstellen — ohne den Verkäufer. Deshalb braucht jedes erklärungsbedürftige Produkt eine Erklärung in zwei Sätzen, die der Kunde wörtlich weitergeben kann. Zum Beispiel:

  • „Wir zahlen keine Heizungsanlage, sondern einen festen Preis für Wärme. Wenn die Anlage ausfällt, ist das das Problem des Anbieters, nicht unseres.“
  • „Wir zahlen pro Kartenzahlung einen festen Betrag plus einen kleinen Prozentsatz. Bei unseren kleinen Bons ist der feste Betrag der größere Posten, deshalb haben wir darauf verhandelt.“

Ich teste diese Sätze am Ende des Gesprächs mit einer Frage: „Wie würden Sie das Ihrem Partner erklären?“ Was der Kunde dann sagt, ist das, was intern ankommt. Ist es falsch oder unvollständig, korrigiert man es jetzt — nicht nach der Absage. Dazu gehört ein einziges Blatt mit den Zahlen des Kunden, nicht die Hochglanzbroschüre.

Die Rechnung, die der Kunde selbst nicht macht

Bei erklärungsbedürftigen Produkten gehört eine Gesamtkostenrechnung über die Laufzeit in jedes Angebot. Eine Beispielrechnung mit frei gewählten Zahlen, keine Kundendaten und kein reales Angebot, Laufzeit jeweils 24 Monate:

Position Angebot A Angebot B
Monatspreis 39 € 49 €
Einrichtung und Schulung 900 € 0 €
Monatspreis × 24 936 € 1.176 €
Gesamt über 24 Monate 1.836 € 1.176 €

Angebot A ist das „billigere“, wenn man nur auf den Monatspreis schaut, und über die Laufzeit 660 Euro teurer. Diese Rechnung macht der Kunde selten selbst. Wer sie ihm vorlegt — auch dann, wenn das eigene Angebot nicht in jeder Zeile vorne liegt —, gewinnt Vertrauen, das kein Rabatt kauft. Liegt man insgesamt hinten, muss man es mit Leistung begründen können; wie dieser Vergleich im Gespräch geführt wird, steht beim Einwand „zu teuer“.

Die ersten 90 Tage gehören ins Verkaufsgespräch

Kunden erklärungsbedürftiger Produkte kündigen selten wegen des Preises. Sie kündigen nach einer Überraschung: die erste Abrechnung sieht anders aus als erwartet, die erste Störung trifft auf einen unbekannten Ansprechpartner, die Software kostet in den ersten Wochen mehr Zeit, als sie spart. Wenn ich das vorher ankündige, ist es keine Überraschung mehr, sondern eine eingelöste Ankündigung.

Ein Satz, der in jedes Abschlussgespräch gehört: „Ihre erste Abrechnung wird so aussehen — schauen wir sie uns jetzt schon an, damit Sie in vier Wochen nicht erschrecken.“

Verkäufer für solche Produkte ausbilden

Verkäufer erklärungsbedürftiger Produkte brauchen weniger Fachwissen, als man denkt, aber anderes. Sie müssen nicht jede technische Frage beantworten können. Sie müssen die drei häufigsten Missverständnisse ihres Produkts kennen, die Rechnung des Kunden lesen können und wissen, wann sie sagen: „Das klärt mein Kollege aus der Technik im nächsten Termin.“ Ein Fachexperte im Erstgespräch macht aus dem Gespräch zu oft eine Produktvorführung. Im Onboarding bewährt sich eine einfache Übung: Das Produkt in 60 Sekunden einem fachfremden Kollegen erklären, der danach die zwei Sätze wiedergeben muss.

Handlungsliste

  1. Die eigene Tabelle schreiben: Was vergleicht der Kunde, was entscheidet tatsächlich?
  2. Drei Einstiegsfragen festlegen, deren Antworten in Euro enden.
  3. Im Gespräch mit der Rechnung des Kunden arbeiten, nicht mit der Präsentation.
  4. Eine Zwei-Satz-Erklärung formulieren, die der Kunde intern wörtlich weitergeben kann.
  5. Am Ende fragen: „Wie würden Sie das Ihrem Partner erklären?“ und korrigieren.
  6. Jedem Angebot eine Gesamtkostenrechnung über die Laufzeit beilegen.
  7. Den ersten echten Kontakt mit dem Produkt vorher erklären: erste Abrechnung, erste Störung, erster Monat.
  8. Fachexperten ins Zweitgespräch holen, nicht ins Erstgespräch.
  9. Neue Verkäufer an der 60-Sekunden-Erklärung messen, nicht an der Zahl der Produktdetails, die sie aufsagen können.
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