girocard, Debit Mastercard, Visa Debit: derselbe Bon, drei völlig verschiedene Preise
Am Terminal sehen die drei Karten gleich aus, in der Abrechnung trennen sie Welten: In denselben Preislisten steht die girocard bei 0,16 bis 0,26 Prozent, die internationale Debitkarte bei 0,89 bis 1,25 Prozent. Woher der Unterschied kommt, was er bei realem Kartenmix kostet und wer am Terminal entscheidet, welche Marke läuft.
Die kurze Antwort
Die girocard ist für Sie als Händler die mit Abstand günstigste Kartenschiene in Deutschland — in denselben öffentlichen Preislisten steht sie bei 0,16 bis 0,26 Prozent, während Debit Mastercard und Visa Debit dort zwischen 0,89 und 1,25 Prozent kosten. Ihre Kunden entscheiden das nicht bewusst: Sie zücken die Karte, die ihre Bank ihnen geschickt hat.
Das ist deshalb keine Technikfrage, sondern eine Kostenfrage, die sich jeden Monat still verschiebt — weg von der girocard, hin zu den internationalen Debitmarken.
Warum plötzlich drei Karten im Umlauf sind, die gleich aussehen
Bis 2023 trug fast jede girocard ein Co-Badge von Maestro oder V Pay — das war die Auslandsschiene auf derselben Karte. Seit dem 1. Juli 2023 dürfen keine neuen girocards mit Maestro-Co-Badge mehr ausgegeben werden; bereits ausgegebene Karten gelten bis zum Ablaufdatum weiter (girocard.eu, Meldung vom 1. Juni 2023). Als Ersatz setzen die Institute auf Debit Mastercard, Visa Debit, teils weiter V Pay, teils auf eine zweite, eigenständige Karte neben der girocard.
Für den Kunden ist das ein Kartentausch. Für Sie ist es ein Tarifwechsel, den niemand mit Ihnen besprochen hat. Eine Debit Mastercard sieht am Terminal aus wie eine girocard und verhält sich beim Bezahlen wie eine girocard — sie läuft aber über die internationalen Kartensysteme und deren Gebührenlogik.
Auseinanderhalten lassen sie sich im Alltag nur an zwei Stellen: am Kartenbild, wenn das girocard-Logo fehlt oder neben dem Mastercard- beziehungsweise Visa-Zeichen steht, und am Beleg, auf dem die tatsächlich genutzte Zahlungsanwendung ausgewiesen wird. Am Kassenplatz ist das keine praktikable Unterscheidung, und genau deshalb bemerkt kaum ein Betrieb die Verschiebung, bevor er die Jahresabrechnung nebeneinanderlegt. Die Zahl, auf die es ankommt, ist nicht der beworbene Prozentsatz, sondern der Anteil jeder Kartenart an Ihren Buchungen.
Was der Unterschied konkret kostet
Drei Anbieter nennen ihre Konditionen öffentlich. Alle Werte am 20. September 2026 direkt auf den Anbieterseiten abgerufen:
| Anbieter / Tarif | girocard | internationale Debit (in den Listen als Maestro / V PAY geführt) | Kreditkarte |
|---|---|---|---|
| PAYONE Classic | 0,26 % | nicht öffentlich ausgewiesen | 1,49 % |
| PAYONE All Time Flex | 0,89 % | 0,89 % | 1,90 % |
| CCV, Seite „Zahlungsmöglichkeiten“ | 0,06 € je Transaktion + 0,159 % + 0,06 % | 0,06 € je Transaktion + 1,25 % | 0,06 € je Transaktion + 1,25 %, Businesscard 1,60 % |
| Raiffeisen-Volksbank Miltenberg (VR Payment) | 0,160–0,195 % + 0,10 € je angefangene 10 Transaktionen | 0,89 % | 1,29 % plus Aufschläge für BusinessCards und außereuropäische Karten |
Zwei Dinge fallen daran auf. Erstens: Bei CCV kostet die internationale Debitkarte dasselbe wie eine Kreditkarte, rund das Sechsfache der girocard. Zweitens: Die Listen führen diese Position bis heute unter den Namen „Maestro“ und „V PAY“, also unter Marken, die im Neugeschäft ausgelaufen sind. Lassen Sie sich deshalb schriftlich bestätigen, unter welcher Zeile Debit Mastercard und Visa Debit abgerechnet werden. Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern nach der Kreditkarte die teuerste Zeile Ihres Vertrags.
Der Denkfehler: Es liegt nicht am Interbankenentgelt
Die naheliegende Erklärung wäre, dass die internationale Debitkarte eine höhere gesetzliche Gebühr trägt. Sie trägt sie nicht. Artikel 3 der Verordnung (EU) 2015/751 deckelt das Interbankenentgelt bei Debitkartentransaktionen von Verbrauchern auf 0,2 Prozent, Artikel 4 bei Kreditkarten auf 0,3 Prozent — und die girocard fällt als Vier-Parteien-System genauso darunter wie Visa Debit.
Der Unterschied entsteht also an den beiden Bausteinen daneben: an den Scheme-Gebühren der internationalen Kartensysteme und an der Marge Ihres Anbieters. Dazu kommt die deutsche Besonderheit: Seit das Bundeskartellamt am 8. April 2014 die Aufgabe des einheitlichen Händlerentgelts von 0,3 Prozent, mindestens 0,08 Euro, durchgesetzt hat, wird das girocard-Entgelt einzeln verhandelt. Behördenpräsident Andreas Mundt sagte damals ausdrücklich, solche Verhandlungen seien „nun auch für kleine Händler über ihre jeweiligen Netzbetreiber möglich“. Wie diese Bausteine zusammen den Endpreis ergeben, steht in meinem Beitrag zu den acht Kostenbausteinen eines Terminalvertrags.
Rechenbeispiel: was eine Verschiebung im Kartenmix kostet
PAYONE rechnet im eigenen Tarifrechner mit 62 Prozent girocard, 6 Prozent Debitkarte und 32 Prozent Kreditkarte (abgerufen am 20. September 2026) — der belastbarste öffentliche Referenzmix, den der deutsche Markt hergibt. Dazu der durchschnittliche girocard-Zahlbetrag im ersten Halbjahr 2026: 36,12 Euro.
Ein Betrieb mit 10.000 Euro Kartenumsatz im Monat kommt damit auf rund 277 Buchungen: 172 girocard, 17 internationale Debit, 88 Kreditkarte. Gerechnet mit der Preisliste der Raiffeisen-Volksbank Miltenberg, girocard im ungünstigen Fall bei 0,195 Prozent:
| Kartenart | Umsatz | Satz | Disagio im Monat |
|---|---|---|---|
| girocard | 6.200 € | 0,195 % + 0,10 € je 10 Transaktionen | 12,09 € + 1,80 € = 13,89 € |
| Debit Mastercard / Visa Debit | 600 € | 0,89 % | 5,34 € |
| Kreditkarte | 3.200 € | 1,29 % | 41,28 € |
| Summe | 10.000 € | 60,51 €, Mischsatz 0,61 % |
Das ist eine Modellrechnung mit offengelegten Annahmen, kein Angebot: fremde Preisliste, fremder Referenzmix, gleicher Durchschnittsbon über alle Kartenarten.
Jetzt die Verschiebung, die gerade real stattfindet. Zehn Prozentpunkte der Buchungen wandern von der girocard zur internationalen Debitkarte, weil Kunden neue Karten bekommen haben. Das sind rund 1.000 Euro Umsatz, die statt mit 0,195 Prozent (1,95 Euro) mit 0,89 Prozent (8,90 Euro) abgerechnet werden: knapp 7 Euro mehr im Monat, gut 83 Euro im Jahr — bei identischem Geschäft, identischem Terminal und ohne dass irgendjemand etwas falsch gemacht hätte.
Bei hohen Bons wird derselbe Effekt schmerzhafter. Ein Handwerksbetrieb mit 450 Euro je Rechnung zahlt an derselben Preisliste 0,88 Euro, wenn der Kunde die girocard nimmt, 4,01 Euro bei Visa Debit und 5,81 Euro bei der Kreditkarte. Fünf Euro Unterschied, über die der Kunde in drei Sekunden an Ihrem Display entscheidet.
Wer entscheidet, welche Marke läuft
Das ist der Punkt, den fast kein Anbieter erklärt, obwohl er im Verordnungstext steht. Artikel 8 Absatz 6 der Verordnung (EU) 2015/751 verbietet Kartensystemen, Emittenten, Acquirern und Technikanbietern, ein Terminal mit Mechanismen auszustatten, „die die Wahl der Zahlungsmarke oder Zahlungsanwendung des Zahlers und des Zahlungsempfängers“ bei co-badged Karten einschränken. Dann folgt der Satz, der für Sie zählt: Zahlungsempfänger behalten die Möglichkeit, in der an der Verkaufsstelle genutzten Ausrüstung automatische Mechanismen zur Vorauswahl einer bestimmten Zahlungsmarke zu installieren — dürfen den Zahler aber nicht daran hindern, sich darüber hinwegzusetzen.
Übersetzt: Sie dürfen Ihr Terminal auf girocard priorisieren. Der Kunde darf widersprechen. Beides ist erlaubt, und beides wird in der Praxis kaum genutzt, weil die Voreinstellung bei der Auslieferung gesetzt wurde und danach niemand mehr hinsieht. Wer zwei getrennte Karten im Portemonnaie hat, entscheidet ohnehin selbst, und bei Apple Pay oder Google Pay entscheidet die hinterlegte Karte — am Terminal kommt dann eine ganz normale Transaktion der dahinterliegenden Marke an. Ein Gerät, das girocard kontaktlos nicht sauber beherrscht, verliert diese Zahlungen vollständig; dazu passt das Kontaktlos-Limit und die PIN-Regel.
Was jetzt zu tun ist
- Die letzte Monatsabrechnung nach girocard, internationaler Debitkarte und Kreditkarte aufschlüsseln. Steht dort nur eine Sammelzahl, haben Sie einen gebündelten Tarif — Artikel 9 der Verordnung verlangt die Aufschlüsselung, sofern Sie nicht schriftlich um Bündelung gebeten haben.
- Schriftlich klären lassen, unter welcher Vertragsposition Debit Mastercard und Visa Debit laufen. Die meisten Preislisten nennen dort noch Maestro und V PAY.
- Den eigenen Kartenmix über zwei bis drei Monate messen statt ihn zu schätzen und den girocard-Anteil im Zeitverlauf verfolgen.
- Die Vorauswahl im Terminal prüfen und gegebenenfalls auf girocard priorisieren lassen — erlaubt nach Artikel 8 Absatz 6, mit dem Widerspruchsrecht des Kunden.
- Den girocard-Satz bei der nächsten Verhandlung getrennt verhandeln. Er ist seit 2014 verhandelbar und betrifft in einem typischen Betrieb rund sechs von zehn Buchungen.
- Jedes Angebot mit „ein Preis für alle Karten“ gegen den eigenen Mix rechnen. Bei hohem girocard-Anteil subventionieren Sie darin fremde Kreditkartenumsätze.
Quellen
- Verordnung (EU) 2015/751 — Art. 3 und 4 (Interbankenentgelte), Art. 8 (Co-Badging und Wahl der Zahlungsmarke), Art. 9 (Entgeltaufschlüsselung), Art. 10 (Akzeptanzpflicht)
- Bundeskartellamt, Pressemitteilung vom 08.04.2014: Einheitliche Händlerentgelte bei electronic cash werden aufgegeben
- girocard.eu: Maestro-Aus zum 01.07.2023 und Ersatz-Co-Badges Debit Mastercard, Visa Debit, V Pay
- PAYONE Tarifrechner: Berechnungsgrundlage 62 Prozent girocard, 6 Prozent Debitkarte, 32 Prozent Kreditkarte
- CCV Deutschland: Kosten pro Zahlungsmethode (girocard, Maestro, V PAY, Mastercard, VISA, AMEX)
- Raiffeisen-Volksbank Miltenberg: Preisliste Kartenterminal mit Disagio je Kartenart (VR Payment)